Medikamentenpreise: Missstände bei der Preisgestaltung

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Angesichts der Preise, die vielfach in Apotheken verlangt werden, stellt sich die Frage, wie sich die Medikamentenpreise zusammensetzen. Gibt es ein Sparpotenzial?

Medikamentenpreise: Die Versicherten werden zur Kasse gebeten

Nein, eigentlich werden die Versicherten nicht wirklich zur Kasse gebeten. Sie haben die Wahl, die oft überteuerten Medikamentenpreise zu zahlen oder sich ihrer Krankheit ohne die Medizin zu stellen. Da Letzteres meist nicht infrage kommt, beißen die meisten Menschen in den sauren Apfel und zahlen den verlangten Preis. Dabei stellt sich allerdings die Frage, wie sich Medikamentenpreise überhaupt zusammensetzen. Allzu oft wird hier die Apotheke an den Pranger gestellt, die sich angesichts hoher Preise nur eine goldene Nase verdienen wolle. Doch dem ist nicht so, können die Apotheken bei der Preisgestaltung doch kein Wörtchen mitreden.

Der Originalhersteller erhebt für sein Medikament einen Preis, über den er zumindest im ersten Jahr nach der Markteinführung des Mittels frei bestimmen kann. Auf die Einkaufspreise gibt es seitens der Großhändler und der Apotheken Zuschläge, die sich prozentual vom Verkaufspreis des Herstellers berechnen.

Diese stellen sich wie folgt dar:

  • Aufschlag für den Großhandel: max. 3,15 Prozent, höchstens 37,80 Euro pro Packung
  • zzgl. Festzuschlag von 70 Cent je Packung
  • Aufschlag durch Apotheken: 3 Prozent des Einkaufspreises
  • zzgl. Festzuschlag von 8,35 Euro je Packung und 16 Cent für die Sicherstellung des Notdienstes

Für jedes verschreibungspflichtige Medikament gelten die gleichen Preise, egal, ob es in der Apotheke auf dem Land oder in der Stadt verkauft wird. Wichtig: Diese Medikamentenpreise gelten immer für Mittel, die nur auf Rezept erhältlich sind. Apothekenpflichtige Produkte unterliegen keiner Preisbindung, folglich können sich deren Preise unterscheiden.

Wichtig: Originalhersteller oder Nachahmer? Bei einer Preisüberprüfung ist wichtig, ob es sich bei den verglichenen Mitteln beide Male um Originalhersteller oder um sogenannte Generika handelt. Nach dem 12. Monat nach Markteinführung gibt es keinen Patentschutz mehr und andere Hersteller können ähnliche Produkte auf den Markt bringen. Der Preis dafür richtet sich nach dem allgemeinen Marktpreis und liegt meist deutlich unter dem des Originalherstellers.

Neben den Herstellerpreisen, die sich wie oben erwähnt berechnen, spielen die Festbeiträge eine Rolle.

Neben den Herstellerpreisen, die sich wie oben erwähnt berechnen, spielen die Festbeiträge eine Rolle.(#01)

Wie werden Medikamentenpreise berechnet?

Neben den Herstellerpreisen, die sich wie oben erwähnt berechnen, spielen die Festbeiträge eine Rolle. Doch sind diese wirklich die Preistreiber bei Medikamenten?
Hintergrund zu den Festbeträgen ist der, dass Versicherte nicht zu viel bezahlen sollen. Sie müssen nicht zwangsläufig in ein teures Medikament investieren, wenn es vergleichbare und ebenso wirksame Mittel auf dem Markt gibt, die deutlich günstiger sind.

Die Festbeträge stellen sich als Höchstbeträge dar, die bei kassenpflichtigen Medikamenten ersetzt werden. Der Krankenversicherer zahlt also bis zu dem festgelegten Betrag. Ist ein Medikament nun teuer als der Festbetrag, muss der Versicherte die Mehrkosten selbst übernehmen oder ein anderes Arzneimittel wählen.

Versicherte müssen höchstens zehn, mindestens aber fünf Euro jedes Medikament zuzahlen. Betragen die Medikamentenpreise weniger als 30 Prozent des Festbetrags, sehen die Krankenversicherer in den meisten Fällen von einer Zuzahlung ab.

Vorgeschriebene Rabatte für Krankenkassen: Arzneimittel ohne Festbetrag müssen einen gesetzlich vorgeschriebenen Rabatt eingeräumt bekommen. Dieser beträgt sieben Prozent bei patentgeschützten Produkten, bei patentfreien sind es sechs Prozent. Die Krankenkassen erhalten für Letztere zusätzlich 10 Prozent Rabatt.
Weitere Rabatte werden zwischen den Herstellern und den Krankenkassen ausgehandelt.

Kostet ein Medikament in Deutschland 100 Euro, so müssen dafür in Großbritannien nur 80 Euro gezahlt werden.

Kostet ein Medikament in Deutschland 100 Euro, so müssen dafür in Großbritannien nur 80 Euro gezahlt werden.(#02)

Warum sind die Medikamentenpreise in Deutschland höher als im Rest Europas?

Der Pharmastandort ist entscheidend für die Medikamentenpreise? Scheinbar spielt aber nicht nur der Standort selbst eine Rolle, sondern auch der Verkaufsort. Hierbei stellt sich Deutschland als besonders hochpreisig heraus, wie eine Preisüberprüfung zeigt. Das Sparpotenzial ist damit besonders hoch, wenn die kassenpflichtigen Mittel im Ausland gekauft werden. Dies ist allerdings nicht immer möglich.

Ein Beispiel: Kostet ein Medikament in Deutschland 100 Euro, so müssen dafür in Großbritannien nur 80 Euro gezahlt werden. In Schweden kostet das Medikament gar nur 65 Euro. Warum? Ein Grund dafür ist sicherlich der freie Preis, den der Hersteller an seinem Pharmastandort Deutschland nach der Markteinführung des Mittels verlangen kann. Solange es kein ähnliches Mittel auf dem Markt gibt, ist der Hersteller relativ frei in seiner Preisgestaltung. Deutsche Pharmazieunternehmen argumentieren überdies mit den hohen Entwicklungskosten, die bei Markteintritt des Medikaments wieder hereingeholt werden sollen. Überdies ist es eine Tatsache, dass der Staat kräftig mitverdient.

Während in vielen anderen Ländern Europas Medikamente nicht mit dem vollen Mehrwertsteuersatz veranschlagt werden, sind bei uns die vollen 19 Prozent fällig. Wer sich also fragt, wie Arzneimittelpreise entstehen, muss auch die offenen Hände des Staates dabei berücksichtigen. Vorwürfe, die Apotheken würden kräftig mitverdienen, lassen sich durch die Arzneimittelverordnung und die festgeschriebenen Beträge für Apotheken leicht widerlegen.

Video: Plusminus (ARD): Zu hohe Medikamenten-Preise in Deutschland – Lobbyalarm!

Auch in den USA steigen die Medikamentenpreise

Eine Preisüberprüfung bzw. der Auslandpreisvergleich zeigt, dass die Medikamentenpreise in den USA sogar noch höher sind als hierzulande. Doch das soll sich ändern, denn Donald Trump sieht nicht ein, warum die USA zahlen und subventionieren, die eigenen Produkte aber in anderen Ländern deutlich günstiger erhältlich seien. Die Preise für noch unter Patentschutz stehende Arzneimittel sind in den USA deutlich höher als in anderen Ländern der Ersten Welt. Ein Grund für die höheren Medikamentenpreise ist sicherlich, die Hersteller am Pharmastandort USA mehr Freiheiten haben. Es gibt keine zentrale staatliche Behörde, die die Kostenverhandlungen übernimmt. Aus diesem Grund lassen sich für die Hersteller auch deutlich leichter die gewünschten Preiserhöhungen durchführen.

Steigerungen von bis zu 10 Prozent im Jahr waren in der Vergangenheit keine Seltenheit. Andernorts sind die Preise auf dem Niveau von vor zehn Jahren stehen geblieben oder mussten sogar aufgrund des Drucks der Behörden nachträglich noch einmal gesenkt werden. Ein Auslandpreisvergleich der Krankenversicherer hat gezeigt, dass die Kosten für Medikamente rund 180 Prozent höher sind als in anderen Industrieländern.

Hier sehen die Versicherer ein enormes Sparpotenzial durch neue Tarife, die sich nach einem internationalen Index richten sollen. Bislang ist das alles noch Zukunftsmusik und auch wenn die Preise in den USA deutlich höher sind, so wird sich daran doch wohl auch in naher Zukunft kaum etwas ändern. Die vorgeschlagenen Modelle für die Kostenersparnis sind bislang noch nicht umsetzbar.

Video: Ärzte, Medikamente und das große Geld | Doku | 45 Min | NDR

Deutschland: Missstände bei Medikamentenpreisen?

Kritiker werfen der Regierung vor, dass Deutschland zum Preisparadies für die Pharmaindustrie geworden sei. Vor allem die patentgeschützten Arzneimittel seien nur zu utopisch hohen Preisen erhältlich, die Rahmenbedingungen für die Preisbindung passten einfach nicht. Die Preispolitik für neu zugelassene Arzneimittel geht nach Meinung der Experten zulasten der gesetzlichen Krankenkassen, denn diese müssen die freie Preisbildung im ersten Jahr nach Markteintritt des neuen Medikaments klaglos hinnehmen.

In keinem anderen Land gestaltet sich die übliche Vorgehensweise so, dass erst die Preise festgelegt und gezahlt werden müssen, danach erst die Verhandlungen stattfinden dürften. Die Ausgaben für Biologika, das sind gentechnologisch hergestellte Mittel, sind besonders hoch und grenzen nach Meinung vieler bereits an Wucher. Auch die Behandlung mit einzelnen Medikamenten ist viel zu teuer, werden doch beispielsweise für eine Arznei gegen Multiple Sklerose in Deutschland rund 80 Prozent mehr verlangt als in den Niederlanden. All diese Punkte treiben die Preise in die Höhe und sorgen dafür, dass sich Deutschland in diesem Punkt extrem von den anderen europäischen Ländern unterscheidet.

Die Kostengruppen der Krankenversicherungen zeigen sich wie folgt:

  • stationäre Behandlung im Krankenhaus (34,7 Prozent)
  • Kosten für ambulante Ärzte (17,3 Prozent)
  • Kosten für Medikamente (17,2 Prozent)

Sicherlich gibt es hier noch einen enormen Aufhol- und Veränderungsbedarf, denn an den Ausgaben der Krankenkassen hängen auch die Beiträge, die durch die Versicherten zu zahlen sind. Steigen die Medikamentenpreise weiterhin derart stark an, werden die Versicherer nachkalkulieren müssen und höhere Beiträge verlangen. Da Krankheiten aber nun einmal nach Medikamenten verlangen bzw. die Behandlung der meisten Erkrankungen nicht ohne diese Medikamente möglich ist, ist es Sache der Pharmaindustrie, die in der Zeit des Patentschutzes veranschlagten Preise niedriger zu gestalten und das Gemeinwohl vor die eigene Profitgier zu stellen.


Bildnachweis:©Shutterstock-Titelbild: wavebreakmedia -#01:Syda Productions -#02: Iakov Filimonov

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Rebecca Liebig ist gerade im achten Monat schwanger. Voller Vorfreude auf ihr Baby genießen sie und ihr Mann die spannende Zeit. Von der ersten Übelkeit bis hin zu den Bewegungen ihres Mädchens halten sie alles fest. Schließlich möchte man sich später ja auch an diese Zeit erinnern. Bei der Planung des Kinderzimmers gehen die Vorstellungen zwar auseinander. In einem sind sich Rebecca und ihr Mann jedoch einig: Die aufregende Zeit wollen sie so richtig genießen. Rebecca plant, drei Jahre mit ihrer Tochter zu Hause zu bleiben. Auch ihr Mann möchte zwei Monate Elternzeit nehmen.

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