Einzelhandel Stuttgart: Stadt profitiert nicht vom Handelsboom

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Als Hauptstadt von Baden-Württemberg hat die 600.000-Einwohnerstadt Stuttgart ein hohes Umsatzpotenzial für den Einzelhandel.

Einzelhandel Stuttgart: Mehr Verkaufsfläche, gleicher Umsatz

Den aktuellen Zahlen zufolge haben die Einwohner im Großraum Stuttgart ein Einkaufspotenzial von rund 20 Milliarden Euro zur Verfügung. Doch gut drei Milliarden davon werden weit außerhalb der Stadtgrenzen oder online investiert. Der Einzelhandel in Stuttgart hat dabei vom Ausbau der Einkaufsfläche nicht profitiert.

Stuttgart hat in den vergangenen Jahren ein großes Investoren-Interesse auf sich gezogen. Die enorme Kaufkraft der Region hat dazu geführt, dass der Einzelhandel in Stuttgart in allen Bereichen ausgebaut wurde. Das Resultat war eine merkliche Ausweitung der Verkaufsflächen für den Handel in Stuttgart. Die Erwartungen waren hoch – mehr Einkaufsmöglichkeiten sollten mehr Einkäufer anziehen. Leider blieb der erwartete Umsatzanstieg aus. In einer Untersuchung der Industrie- und Handelskammer der Region Stuttgart ist dies nachzulesen.

Der Report gibt Aufschluss darüber, dass es in einigen Regionen der Stadt sogar zu einem Rückgang im Einzelhandelsumsatz kam. Gleichzeitig wird jedoch darauf hingewiesen, dass das enorm hohe Konsumpotenzial von nahezu 20 Milliarden Euro den Standort zu einem der wirtschaftsstärksten im ganzen Land macht.

Einzelhandel Stuttgart: Zentralität bestimmen

Um die Anziehungskraft eines Handelsstandortes zu bestimmen, wird der Indexwert der sogenannten Zentralität benannt. Für die Stadt Stuttgart liegt dieser Wert aktuell (2017) bei 122,2. Aber was genau bedeutet diese Kennziffer?

Geprägt durch die GFK (Gesellschaft für Konsumforschung), bezeichnet der Begriff Zentralitätskennziffer das Verhältnis aus Einzelhandels-Umsatz und der vor Ort vorhandenen Einzelhandels Kaufkraft. Der Einzelhandel Stuttgart hat den zweithöchsten Indexwert für Zentralität im bundesweiten Vergleich. (#1)

Geprägt durch die GFK (Gesellschaft für Konsumforschung), bezeichnet der Begriff Zentralitätskennziffer das Verhältnis aus Einzelhandels-Umsatz und der vor Ort vorhandenen Einzelhandels Kaufkraft. Der Einzelhandel Stuttgart hat den zweithöchsten Indexwert für Zentralität im bundesweiten Vergleich. (#1)

Für die einzelnen Regionen werden die zu erwartenden Umsatzleistungen bestimmt. Es wird also über bekannte Eckdaten ermittelt, welche Kaufkraft in der Region vorhanden ist. Dazu werden diverse Faktoren verwendet:

  • Durchschnittseinkommen
  • Arbeitslosenquote
  • Altersdurchschnitt
  • Und weitere

Deckt sich der erwartete Wert mit dem tatsächlichen Umsatz, der in der Region durch den Einzelhandel erzielt wird, liegt der Indexwert bei 100. Liegt der darüber oder darunter, wird der Wert entsprechend angepasst. Für den Einzelhandel in Stuttgart liegt der Umsatz also 22,2 Prozent über dem erwarteten Wert.

Der hohe Indexwert für die Zentralität in Stuttgart zeigt auf, dass die Region in der Lage ist, eine hohe Kaufkraft aus dem Umfeld zu bündeln. Im direkten Vergleich konnte sich Stuttgart damit für das Jahr 2017 bundesweit an zweiter Stelle platzieren. Lediglich Nürnberg hat einen höheren Wert zu bieten. Hier liegt der Indexwert bei 130,3.

Info

Der Indexwert für die Zentralität wird im Rhythmus von zwei Jahren bestimmt. Die Fluktuationen innerhalb eines Jahres sind in der Regel zu gering, um eine umfassende Analyse zu rechtfertigen.

Der Einzelhandel in Stuttgart hat auf mehr gehofft

Was auf dem ersten Blick ein erstklassiges Ergebnis zu sein scheint, ist bei genauerem Hinschauen leider eher enttäuschend. Denn in den vergangenen Jahren hat der Indexwert kaum an Aufschwung gewonnen:

  • 2013 – 121,7
  • 2015 – 121,9
  • 2017 – 122,2
Bei genauer Betrachtung sieht man jedoch, dass der Stuttgarter Indexwert stagniert. Der Einzelhandel Stuttgart hat Millionen investiert, ohne dass die Kennzahl merklich angestiegen ist. Es scheint als rudere der Einzelhandel - entgegen aller Indexwerte - auf dem Trockenen. (#2)

Bei genauer Betrachtung sieht man jedoch, dass der Stuttgarter Indexwert stagniert. Der Einzelhandel Stuttgart hat Millionen investiert, ohne dass die Kennzahl merklich angestiegen ist. Es scheint als rudere der Einzelhandel – entgegen aller Indexwerte – auf dem Trockenen. (#2)

Auch wenn die stabile Entwicklung sehr freudig ist, wird deutlich, dass es in den vergangenen Jahren keinen echten Aufschwung zu verzeichnen gab. In Anbetracht der Tatsache, dass die Verkaufsfläche für den Einzelhandel in Stuttgart nennenswert erweitert wurde, ist dies ein schlechtes Ergebnis. Denn die Zahlen spiegeln diesen Zuwachs in keiner Weise wieder.

In den vergangenen Jahren hat die Stadt Stuttgart in den Aufbau von neuen Einkaufszentren investiert. Gleichzeitig wurden bestehende Einkaufsumgebungen ausgebaut. Private Investoren haben enorme Summen in den Auf- und Umbau des Einzelhandels von Stuttgart gesteckt. Dies hat dazu geführt, dass der Flächenboom im Einzelhandel innerhalb Deutschlands der stärkste war. Die treibende Kraft hinter dem Ausbau war vor allem die Erwartung, die Kaufkraft aus dem Umland in die Landeshauptstadt zu ziehen. Bisher ist dies jedoch noch nicht in Effekt getreten.

Info

Während der Planungsphase und vor allem während der Zeit der Investorensuche wurden viele Versprechungen gemacht. Politiker, Bauherren, Immobilienbesitzer, sie alle waren sich einig: Ein Ausbau der Handelsfläche wird nicht nur Jobs in die Stadt bringen, er wird auch ein neues Kaufpotenzial sichern. Bereits jetzt sorgen die schlechten Ergebnisse für eine Unruhe unter den Investoren.

Einzelhandelsrelevante Kaufkraft berücksichtigen

Der Erfolg oder Misserfolg solcher Projekte lässt sich nicht nur über die Zentralität bestimmen. Auch die sogenannte einzelhandelsrelevante Kaufkraft ist zu beachten. Dieser Wert beschäftigt sich mit dem Geld, das tatsächlich im Einzelhandel innerhalb der Region ausgegeben wird:

  • Einzelhandel vor Ort
  • Onlinehandel
  • Versandhandel

Um die aktuelle Lage zu ermitteln, hat die Industrie- und Handelskammer der Region Stuttgart insgesamt 62 Kommunen begutachtet. Diese umfassen mehr als 10.000 Einwohner. Die einzelhandelsrelevante Kaufkraft der Kommunen liegt im Minimum bei 6238 Euro im Jahr. Der Höchstwert wurde mit 8302 Euro ermittelt. Der Bundesdurchschnitt liegt für das Jahr 2017 bei 6582 Euro. Lediglich vier der 62 untersuchten Kommunen liegen leicht unter diesem Durchschnittswert.

Um die Kaufkraft genauer zu ermitteln, reicht der Zentralitätsindex nicht aus. Es gilt den Wert der einzelhandelsrelevanten Kaufkraft zu bestimmen, der dann eine genaue Aussage darüber zulässt, was tatsächlich an Geld in Stuttgart ausgegeben wird. Hier stellt sich dann an einigen Stellen heraus, dass der Einzelhandel Stuttgart seine Kaufkraft nicht voll ausschöpfen kann. (#3)

Um die Kaufkraft genauer zu ermitteln, reicht der Zentralitätsindex nicht aus. Es gilt den Wert der einzelhandelsrelevanten Kaufkraft zu bestimmen, der dann eine genaue Aussage darüber zulässt, was tatsächlich an Geld in Stuttgart ausgegeben wird. Hier stellt sich dann an einigen Stellen heraus, dass der Einzelhandel Stuttgart seine Kaufkraft nicht voll ausschöpfen kann. (#3)

Die Gemeinde Gerlingen im Landkreis Ludwigsburg geht als ein klarer Sieger hervor. Direkt dahinter sind die folgenden Kommunen zu finden:

  • Schwieberdingen (Kreis Ludwigsburg) mit 7748 Euro
  • Leonberg (Kreis Böblingen) mit 7718 Euro
  • Korntal-Münchingen (Kreis Ludwigsburg) mit 7690 Euro

Das Ende der Rangliste wird von Geislingen an der Steige im Kreis Göppingen bekleidet. Ebenfalls unter dem Bundesdurchschnitt liegen Welzheim im Rems-Murr-Kreis mit 6459 Euro, Eislingen/Fils im Kreis Göppingen mit 6375 Euro und Murrhardt im Rems-Murr-Kreis mit 6270 Euro.

Dass der Einzelhandel in Stuttgart die Kaufkraft aus den umliegenden Kommunen nicht ausschöpft, liegt also nicht an einer unzureichenden Kaufkraft. Das Kapital ist vorhanden. Es wird aber weiterhin zentral vor Ort ausgegeben. Die Anwohner sind nicht bereit, den Weg in die Stadt Stuttgart für Einkäufe anzutreten.

Einzelhandel Stuttgart: Was sind die Gründe für den ausbleibenden Erfolg?

Experten sehen eine Vielzahl von möglichen Gründen, die hier eine Rolle spielen. So hat die Politik sich in den letzten Jahren zu wenig darauf konzentriert, die Innenstadt für Kunden und Lieferanten erreichbarer zu machen. Die Infrastruktur ist nicht ausreichend aufgebaut, um einen Anstieg im Einzelhandel zu decken.

Und was heißt das für den Einzelhandel Stuttgart? Seine Zukunft bleibt wohl erstmal ungewiss. (#4)

Und was heißt das nun für den Einzelhandel Stuttgart? Seine Zukunft bleibt wohl erstmal ungewiss. (#4)

Natürlich benötigt eine Umlage der Zentralität auch ihre Zeit. Der Ausbau des Einzelhandels hat in den vergangenen vier Jahren stattgefunden. Erste Ergebnisse mit einer größeren Bedeutung könnten also durchaus noch anstehen.

Stuttgart ohne Region kaum relevant

Die stabile Wirtschaftskraft im ganzen Land hat auch in Stuttgart dazu geführt, dass ordentlich investiert wurde. Dabei sind die Investoren weniger an der Stadt selber interessiert. Denn im Vergleich zu Metropolen wie Berlin, Hamburg oder München hat Stuttgart lediglich 600.000 Einwohner zu bieten. Entsprechend gering ist das Kaufpotenzial vor Ort. Anders schaut es jedoch aus, wird die gesamte Region betrachtet. Hier wohnen rund 2,7 Millionen Menschen, die eine gute Kaufkraft aufweisen.

Dieses Potenzial zieht vor allem große Einzelhandelsunternehmer an. Nationale wie internationale Einzelhandelsketten finden immer häufiger ihren Weg in die neuen Einkaufszentren der Innenstadt.

Hinweis

Kritiker sehen in der Umstrukturierung eine Gefahr für kleine und mittelständische Unternehmen. Wenn Einzelhandelsriesen sich vor Ort zunehmend etablieren, haben es die kleinen Unternehmen schwer, ausreichend Umsatz zu sichern. Dies beginnt bereits mit der Tatsache, dass die laufenden Kosten für die Geschäftsräume in Top-Einkaufslagen sehr hoch sind.

Fazit zum Einzelhandel Stuttgart: Die Zukunft bleibt ungewiss

Der Einzelhandel in Stuttgart ist ohne Frage stabil. Allerdings blieb der erwartete Zuwachs für den Umsatz aus. Ob sich die Situation in den nächsten Jahren ändern wird, hängt von vielen Faktoren ab. Unter anderem sollte die Politik sich darauf konzentrieren, die Innenstädte leichter erreichbar zu machen. Aber auch die allgemeine Wirtschaftslage in der Region muss betrachtet werden. Wird der Ausbau von Verkaufsflächen auf die umliegenden Kommunen ausgeweitet? Welche großen Unternehmen sind bereit, sich in und um Stuttgart niederzulassen? Für die Investoren und den Einzelhandel in Stuttgart ist daher Geduld angesagt.


Bildnachweis: © Shutterstock-Titelbild: Syda Productions, -#1 Goepfert, -#2 maradon 333, -#3 StepanPopov, -#4 hakule

Über 

Sabrina Müller, geboren 1982 in Berlin, ist inzwischen Mutter von drei Kindern. Eigentlich wollte sie gar nicht so viele Kinder. Nachdem ihre erste Tochter jedoch wirklich pflegeleicht war, haben sich Sabrina und ihr Mann für weitere Kinder entschieden. Konnte ja keiner wissen, dass auf pflegeleicht nicht immer auch wieder pflegeleicht folgt. Nach der ersten Tochter folgten noch ein Mädchen und ein Junge. Ihre Rasselbande füllt Sabrinas Leben derzeit aus. Neben der Betreuung der Kinder engagiert sich Sabrina auch im Kindergarten und näht und bastelt gerne.

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